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Michael Kegler, tradutor e jornalista, responsável pelo site www.novacultura.de

 

gonçalo tavares

… in angola

Glaubt man einem kürzlich im ORF gesendeten Beitrag über angolanische Literatur (http://oe1.orf.at/highlights/145686.html) pendeln nicht nur Agualusa und Ondjaki permanent zwischen Angola, Portugal und Brasilien, sondern auch Gonçalo M. Tavares, bei dem es "kein Zufall" sei, dass alle seine Szenen in Luanda spielen.

Während letzteres selbstverständlich Interpretationssache ist (ich kann mich an keine konkrete Ortsangabe bei Gonçalo Tavares erinnern), dürfte die Behauptung, er teile sein Leben zwischen Angola und Portugal zumindest recht gewagt sein. Jedenfalls findet sein Geburtsort Luanda üblicherweise keine weitere Erwähnung in Werk oder Biographie dieses portugiesischen Autors.

Wenig später entdeckte ich dann Ricardo Adolfo in einer Online-Buchhandlung unter "Angolanische Literatur", wobei ich mich selbstverständlich freue, dass es eine solche Rubrik überhaupt gibt, die, ließe man den 1974 in Luanda geborenen und im Alter von nicht einmal einem Jahr nach Portugal "zurückgekehrten" Portugiesen korrekterweise außen vor, natürlich ein wenig leer aussähe: Agualusa, Ondjaki, Pepetela, Autoren die in "normalen" Buchverkaufsportalen in wesentlich perfiderer Vereinnahmung einfach als "portugiesische" Autoren geführt werden.

Andererseits war auch Lobo Antunes einmal in Angola, Lídia Jorge hat in Mosambik gelebt, auch Teolinda Gersão, um nur einige zu nennen, deren Bücher sogar zum Teil in diesen Ländern spielen – im Gegensatz zu den Werken von Gonçalo Tavares oder Ricardo Adolfo, deren Erinnerungen an den Ort ihrer Geburt naturgemäß eher verschwommen sein dürften. Spannend wäre es bei Dulce Maria Cardoso, die ja immerhin nicht in Angola geboren ist aber einen Gutteil der Kindheit dort verbracht, aber bisher auch kein literarisches Wort darüber verloren hat. Und was tun wir mit João Paulo Borges Coelho, dem mosambikanischen Autor, in dessen Pass als Geburtsort Porto angegeben ist, was eindeutig in Portugal liegt? Und wie verhält es sich mit Luandino Vieira, der ja nicht nur in Portugal geboren wurde sondern inzwischen seit längerem wieder dort lebt.

Käme man auf die Idee, ihn deswegen als Portugiesen zu bezeichnen, setzte man sich zu Recht dem Vorwurf des Neo-Kolonialismus, zumindest aber der Schlampigkeit aus. Andererseits ist es auch im deutschen Sprachraum gerade sehr schick, eine in Rumänien geborene deutsche Autorin auf ihren rumänischen Hintergrund festzulegen. Vielleicht suchen wir einfach nur das Exotische.

Gonçalo Tavares jedenfalls wird sicher herzlich auflachen angesichts seiner Eingemeindung nach Afrika, Ricardo Adolfo wird es vermutlich nicht tun – zu oft wird man ihn schon wegen seiner Hautfarbe nach seiner Afrikanität gefragt haben.

Allen anderen sei schlicht der Blick in eine beliebige Internet-Enzyklopädie empfohlen. Dort steht (zumindest in der portugiesischen Version): "Gonçalo M. Tavares ist ein portugiesischer Autor". Zu Ricardo Adolfo steht dort noch nichts. Doch genauso wie eine in Rumänien geborene Dame mit deutscher Literatur einen Nobelpreis gewinnen kann, muss ein in Luanda geborener Autor nicht zwangsläufig Angolaner sein. Er kann natürlich, wenn er es für angebracht hält und das jeweilige Abstammungsrecht es noch zulässt.

Bezeichnenderweise ist Luandino Vieira für die deutsche Wikipedia ein "portugiesisch-angolanischer Autor", was auch immer das sein mag, wohingegen er im Rest der Welt schlicht Angolaner ist. So kompliziert ist die Welt. Dass gerade das Land, das im echten Leben so gut wie keine Doppelstaatsbürgerschaften zulässt, so viele Menschen als Deutschtürken, Deutsch-Brasilianer, Portugiesisch-Angolaner oder sonst etwas bezeichnet, ist zumindest eine ironische Fußnote wert. Ich glaube, es war Zé do Rock (ein auf Deutsch schreibender Brasilianer, der in München lebt), der darüber mehr als einen gelungenen Text verfasst hat.

Aber wir schweifen ab, fürchte ich.

Sollte Gonçalo Tavares je ein Buch in Luanda ansiedeln, oder gar dorthin übersiedeln wollen, wird es rechtzeitig hier oder andernorts zu lesen sein. Sollten er oder Ricardo Adolfo irgendwann einmal die angolanische Staatsbürgerschaft annehmen wollen, werden sie auch dies sicherlich in geeigneter Form kundtun. Bis dahin, lesen wir doch einfach ihre Bücher, denn sie spielen überall und nirgendwo. Das ist das gute bei beiden.

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