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Brasilien – ein Aquarell


Noch bis zum 27. Januar sind in der Brasilianischen Botschaft in Berlin die zwischen 1934 und 1950 entstandenen Brasilien-Bilder des Böblinger Malers Fritz Steisslinger zu sehen.

Steisslingers Ehefrau Elisabeth Haasis stammte aus Brasilien, weswegen der Maler ein Jahr nach der Machtübernahme der Nazis erstmals dorthin reiste, um die Aussichten für eine Übersiedlung der Familie in das von Stefan Zweig später so genannte »Land der Zukunft« zu sondieren. Er verbrachte vier Monate dort, lebte eine Zeit lang auf der Fazenda eines Schwagers und hielt seine Eindrücke in Aquarellen und Zeichnungen fest. Es gelingt ihm auch, einige Bilder in Porto Alegre und anlässlich einer eigenen Ausstellung in Rio de Janeiro zu verkaufen – allerdings nicht genug, um darin eine Lebensperspektive zu sehen. Schon im August kehrte er wieder nach Deutschland zurück. Doch Brasilien blieb zeit seines Lebens zumindest Bezugspunkt – ein Traum, der sich nie erfüllte.

Die in Berlin zu sehende Ausstellung, zu der im Wasmuth-Verlag bereits Ende 2010 ein prächtiger Bildband erschienen ist, zeigt denn auch überwiegend idyllische Motive eines eher ländlichen Brasilien: Landschaften, Menschen, Ochsenkarren, das Meer … Vor allem beeindrucken Steisslinger, wie auch den Betrachter, die Farben, das Licht, die Intensität, die er mit kräftigem Pinselstrich auf Papier oder Leinwand bannt. Steisslingers Brasilien ist ein üppiges, leuchtendes und scheinbar unglaublich fruchtbares Land: Die Fazenda seines Schwagers ist ein häufiges Motiv.

In Kenntnis der Hintergründe, die in Texten von Eva-Marina Froitzheim von den Städtischen Galerien Böblingen sowie den Kunsthistorikern Martina Merklinger und Hans-Jürgen Imiela gut dokumentiert werden, meint man auch den eher vorsichtigen, ängstlichen Künstler zu erkennen, der zwar den mutigen Schritt wählt, ihn aber jederzeit mit Bedacht zu tun versucht. Getrieben von einer (wie es Eva-Marina Froitzheim ausdrückt) »lebenslangen Sehnsucht nach anderen Orten« versucht Steisslinger, inzwischen im Ruhestand, von 1948 bis 1950 abermals in Brasilien Fuß zu fassen, kehrt aber auch diesmal wieder ins Schwäbische zurück. 

So sind Steisslingers Bilder inzwischen auch eine Art Zeitdokument, gleichzeitig zeigen sie aber auch eine fast zeitlose, deutsche Sicht auf Brasilien als ein Land der Träume, der Projektionen, der Sehnsucht, die sich - anders als ihm heutigen Zeitalter der Flugreisen und Kurztrips - nicht auf Strände, Musik und Großstädte richtet, sondern auf die Landschaften, deren üppige Farbgebung nicht nur Steisslinger fasziniert: Steisslingers Ochsenkarren, seine Hafenstädte und seine Porträts ähneln den Motiven, die auch heutige Touristen im brasilianischen Landesinneren wählen. Seine Zeichnungen, Aquarelle und Gemälde sind so etwas wie die Matritze der »anderen« Sehnsucht nach Brasilien jenseits von Strand und Karneval.

Michael Kegler


Fritz Steisslinger: Sehnsucht Brasilien (1934-1955)
23. November 2011 bis 27. Januar 2012
Brasilianische Botschaft
Wallstraße 57
10179 Berlin
www.brasilianische-botschaft.de

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Frederica Steisslinger / Markus Baumgart:

Sehnsucht Brasilien / Saudade do Brasil.
Der Maler Fritz Steisslinger auf Brasilienreise 1934 / O pintor Fritz Steisslinger em viagem pelo Brasil 1934

144 Seiten mit 59 farbigen Abbildungen

Ernst Wasmuth Verlag, 2010
29,80 Euro
ISBN 978-3-8030-3347-5

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http://www.fritz-steisslinger.de/