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Sommerlektüren
aus Brasilien, Portugal und Angola

Schnell noch bevor die Herbstprogramme der Publikumsverlage ausgeliefert werden, sei ein rascher, begeisterter Blick auf die ins Deutsche übersetzten literischen Neuerscheinungen aus dem portugiesischen Sprachraum geworfen, die, nach einer kleinen Flaute im Nach-Buchmesse-Jahr 2014, wieder erfreulich mehr geworden sind. Kein Vergleich mit den 50, 70 oder gar Hunderten (je nach Zählweise) Übersetzungen aus Brasilien vor zwei Jahren, aber zum einen ist Masse nicht alles, und zum anderen ist nun auch wieder das eine oder andere aus Portugal oder Angola zu lesen.


Den Anfang der Neuerscheinungen im Frühjahr machte Carola Saavedra mit Blaue Blumen, den, wie auch schon Landschaft mit Dromedar (2013) Maria Hummitzsch übersetzt und C.H. Beck verlegt hat. Während die Feuilletons der großen Tageszeiten inzwischen die Literatur aus Brasilien wieder weitläufig ignorieren, findet das Buch aufmerksame Rezensenten auf Websiten wie etwa http://denkzeiten.com/, wo die anonyme Rezensentin schreibt: Carola Saavedra ist auch mit diesem Roman ein tiefgründiger und feinfühliger Roman gelungen. Es ist ein Roman, der die ganze Klaviatur des Lebens spielt, von der Liebe über Beziehungen, Trennungen hin zum Neuanfang.
Auf leselupe.de schreibt Claudine Borries gleichermaßen begeistert von einem Roman von tiefer Melancholie, Resignation aber auch Leidenschaft und Einsamkeit und lobt die kongeniale Übersetzung durch Maria Hummitzsch.
Im April war die Autorin gemeinsam mit ihrer Übersetzerin zu einer Lesung in Frankfurt am Main.


Im Mai war dann die zweite von Maria Hummitzsch übersetzte Autorin in Deutschland und Österreich unterwegs: Beatriz Bracher. Ebenfalls mit einem zweiten Buch, Die Verdächtigung, welches immerhin in der Tageszeitung Neues Deutschland und ausführlicher noch in der ila rezensiert wurde. Verdient hätte dieses sprachlich wie inhaltlich eindrucksvolle und ebenfalls großartig übersetzte Buch wesentlich mehr Beachtung, nicht nur, weil es eines der immer noch wenigen Bücher ist, die mit der brasilianischen Diktaturzeit (und dem danach) literarisch ins Gericht gehen. Daher hier nochmal der Hinweis zur anlässlich der Lesereise erschienenen Rezension auf novacultura.


Brasilien zum Dritten: Von Caio Fernando Abreu ist endlich wieder etwas auf Deutsch zu lesen. Die Älteren unter uns erinnern sich an den bei Edition diá Anfang der neunziger Jahre erschienenen Roman Was geschah wirklich mit Dulce Veiga, sowie an die eindrucksvollen Lesungen des kurz darauf verstorbenen Autors, als Brasilien 1994 schon einmal Gastland der Frankfurter Buchmesse war. Die leider nur als ebook erhältlichen Erzählungen unter dem Titel Kleine Monster zeigen, dass Caio Fernando Abreu auch heute noch ein aktueller, lesenswerter und spannender (ewig junger) Autor ist. Übersetzt wurden die Erzählungen von Marianne Gareis, Gerd Hilger, Maria Hummitzsch, Gaby Küppers und Gotthardt Schön.

Etwas aus unserem Blickwinkel aber unbedingt erwähnenswert wären da auch noch Vanessa da Matta mit Blumentochter, übersetzt von Kirsten Brandt (erschienen bei List, glücklicherweise großflächig beworben in vielen Buchhandlungen zu finden und dennoch hauptsächlich in Blogs rezensiert) sowie Indianerlegenden von Daniel Munduruku, die Elóide Kilp und Thomas Kadereit für den Hans Schiler Verlag übersetzt haben und das wir in Kürze separat vorstellen werden.

Beim Blick über den Atlantik freut man sich über einen neuen liebevollen, bizarren, ironischen und poetischen Blick auf Angola: Die Durchsichtigen, des Saramago-Preisträgers Ondjaki erschien Ende Mai in der Reihe Afrika Wunderhorn. Das Original Os transparentes wurde Ende 2012 hier bereits von Vera Kurlenina vorgestellt, so dass wir es an dieser Stelle bei einer Empfehlung belassen, ohne den Hinweis auf bereits zwei wunderbare Rezensionen zu unterschlagen: Einmal im Freitag, sowie zuletzt unter Deutschlandradio Kultur.

Wer anschließend noch neugieriger auf Angola geworden ist, dem oder der sei die soeben erschienene Anthologie Angola Entdecken von Barbara Mesquita (Arachne Verlag) sehr ans Herz gelegt.

Ondjaki wird übrigens mit José Luís Mendonça und Sónia Gomes auf dem 15. Internationalen Literaturfestival Berlin auftreten und damit sogar live zu erleben sein.

Live wird man Ende August auch den zumindest im deutschen Sprachraum neu zu entdeckenden (aber hier schon mehrmals gefeierte) Manuel Jorge Marmelo erleben, dessen Eine tausendmal wiederholte Lüge Ende April im A1 Verlag erschienen ist. Er wird gemeinsam mit João Ricardo Pedro Gast der Poetischen Quellen in Bad Oeynhausen zu Gast sein. Rezensiert wurde der Roman auch schon von Holger Ehling in Buchkultur, sowie mit einer ausführlichen Besprechung von Eva Karnofsky auf SWR2.

Der zweite Portugiese in dieser Saison ist, wie schon kurz berichtet, José Luis Peixoto, dessen Das Haus im Dunkel fast zehn Jahre nach dem Erscheinen in Portugal, sehr überraschend in Österreich aufgetaucht ist. Den Klappentext der deutschsprachigen Ausgabe, die Ilse Dick für den Septime-Verlag besorgte, ziert ein Zitat aus der Rezension, die wir seinerzeit auf novacultura veröffentlichten. Der portugiesische Schriftsteller José Luís Peixoto hat einen Roman geschrieben, der einem den Atem raubt, schreibt aber auch Christian Gröger im Blog der Tyrolia-Buchhandlung.

Nicht unterschlagen will ich, dass Peixotos Roman auf literaturkritik.de relativ neugierig machend, wenn auch zu Unrecht verrissen wurde, und auch Carola Saavedras Blaue Blumen waren einigen Bloggern zu ruhig, Vanessa da Matas Blumentochter wiederum anderen etwas zu blumig. Zu schön, wenn allen alles gefiele. Ich sehe insgesamt 8 gute Gründe (mindestens), sich für den Sommerurlaub oder das verlängerte Wochenende, den lauen Abend auf der Terrasse, ein wenig Zeit und eine Lesebrille einzupacken.

Im August geht es schon wieder weiter, unter anderem mit einem neuen Ruffato (mit Schauplatz Lissabon), einem Bilderbuch ohne Ende von Marcelo Pimentel, im November dann dem autobiografischen Roman Mein fremder Krieg von Marina Colasanti und weiteren Überraschungen, über die wir berichten, sobald wir von ihnen erfahren. Hinweise und Rezensionen werden übrigens gerne entgegengenommen.

 

mk, 23.07.2015


Carola Saavedra:
Blaue Blumen
Übersetzt von Maria Hummitzsch
CH Beck, 2015


Beatriz Bracher:
Die Verdächtigung
Übersetzt von Maria Hummitzsch
Assoziation A, 2015


Caio Fernando Abreu
Kleine Monster. Erzählungen
Übersetzt von Marianne Gareis, Gerd Hilger, Maria Hummitzsch, Gaby Küppers und Gotthardt Schön.
Edition diá, 2015


Vanessa da Matta
Blumentochter
Übersetzt von Kirsten Brandt
List, 2015


Daniel Munduruku
Indianerlegenden
Übersetzt von Elóide Kilo und Thomas Kadereit
Verlag Hans Schiler, 2015

Ondjaki
Die Durchsichtigen
Übersetzt von Michael Kegler
Verlag das Wunderhorn, 2015

Angola Entdecken
Herausgegeben und übersetzt von Barbara Mesquita
Arachne Verlag 2015
 

Manuel Jorge Marmelo
Eine tausendmal wiederholte Lüge
Übersetzt von Michael Kegler
A1 Verlag 2015


José Luis Peixoto
Das Haus im Dunkel
Übersetzt von Ilse Dick
Septime Verlag, 2015

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