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Über das, was ich vergessen habe …

Was bedeutet ein Schweigen in Zeiten der Diktatur, der Gewaltherrschaft? Im Zweifelsfall Zustimmung. Im Zweifelsfall Rettung, nicht denunziert werden, vielleicht Überleben. Wie mächtig sind Worte?

Gustavo Ferreira steht kurz vor der Pensionierung, packt Umzugskisten und blickt zurück auf ein interessantes Berufsleben als Lehrer und Universitätsdozent. In den 1970er Jahren war er, wie nicht wenige fortschrittliche Intellektuelle, Sympathisant des politischen Widerstands gegen die brasilianische Militärdiktatur, war kurz inhaftiert, wurde verhört. Fast eine Formsache unter dem paranoiden Regime, denn was hätte er, eher zufällig Freund einiger Aktivisten, schon verraten können, er wusste ja nichts. Und doch: »Sie haben gesagt, ich hätte alles gesagt; und Armando ist gestorben.« Das genügt, um sich schuldig zu fühlen, ein Leben lang.

Die Verdächtigung, um die es in Beatriz Brachers Roman geht, ist in erster Linie eine Selbstverdächtigung. Verrat oder nicht Verrat wird nebensächlich: »Armando war meinetwegen, nicht meiner Worte wegen verraten worden, aber das machte keinen Unterschied. Meine Verhaftung dürfte ihn gezwungen haben, sein Versteck zu verlassen …« Diesem Selbstvorwurf gegenüber verblasst alles, was Gustavo tatsächlich und am eigenen Leib widerfuhr: die eigene Verhaftung, dass seine Frau im Exil starb, die vielen Verluste, für die nicht er, sondern das System, das er ablehnte, Verantwortung trägt.

Nach Jahren kommt all dies wieder hoch. 30 Jahre nach Ende der Diktatur, 35 Jahre nach Erlass der Amnestie, schon längst ist in Brasilien die politische Linke an der Regierung, »jetzt sind wir an der Macht«. Er soll als Zeitzeuge Auskunft geben für ein Buchprojekt. Ein Roman, nebenbei gesagt, für den es in der brasilianischen Literatur immer noch dringend Bedarf gibt, denn es ist noch immer zu wenig geschrieben worden über die noch immer verniedlichte Militärdiktatur. Doch Gustavo fühlt sich erneut verhört, in die Enge getrieben, flüchtet sich in Fiktion und Erinnerung an die Zeiten danach und davor: »Über das, was ich schon vergessen habe, möchte ich nicht sprechen.«

Aus diesem Nicht-Sprechen-Wollen des Protagonisten, seiner Flucht in Rechtfertigung und biografische Fragmente, strickt Beatriz Bracher einen furiosen, bewegenden, beunruhigenden Roman, in dem die Diktatur wie ein stetes, subtiles und grausames Hintergrundrauschen die Gegenwart weiter durchdringt – eine bleierne Zeit, die nicht aufhört. Nicht die Gewalt steht im Vordergrund, sondern das, was Erinnerung einem denkenden Menschen antut.

mk, 01.05.2015

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Beatriz Bracher
Die Vedächtigung
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Aus dem Portugiesischen übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Maria Hummitzsch.
Assoziation A, 169 Seiten, gebunden, 18 Euro

Originalausgabe:
Não Falei
Editora 34, 2004


Ebenfalls in deutscher Übersetzung:

Antonio
Übersetzt von Maria Hummitzsch
Assoziation A, 2013

Im Mai ist Beatriz Bracher auf Lesereise in Deutschland und Österreich
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