angola . brasil . cabo verde . guiné-bissau . moçambique . portugal . são tomé e príncipe . timor lorosae

Es gibt Menschen, von denen glaubt man, sie leben ewig. Wenn sie dann doch sterben, ist man überrascht. Als ich heute früh in der Zeitung las, dass Curt Meyer-Clason gestorben ist, ging es mir so. Curt Meyer-Clason gibt es schon ewig. Er wurde 101 Jahre alt und ist am vergangenen Freitag in München gestorben.

Ich weiß nicht mehr, welches das erste lateinamerikanische Buch war, das ich auf Deutsch gelesen habe. War es Hundert Jahre Einsamkeit, von García-Márquez oder etwas von Jorge Amado? Fast sicher bin ich, dass die Übersetzung von Curt Meyer-Clason war. Wie sollte es auch anders sein? Jahrzehntelang prägten seine Texte die deutsche Wahrnehmung von Lateinamerika, und nicht nur: auch Literatur aus Portugal, Spanien und dem portugiesischsprachigen Afrika hat »CMC« übersetzt und sich dabei ganz en passant auch für verfolgte Autoren engagiert. Mit Leib und Seele – und seiner Schreibmaschine.

Dass er einmal der Übersetzer aus der portugiesischsprachigen und lateinamerikanischen Literatur werden sollte, war ihm nicht an der Wiege gesungen, als er 1910 in Ludwigsburg zur Welt kam. Er wurde Kaufmann und ging 1936 nach Argentinien, dann nach Brasilien. Dort wurde er 1942 wegen des Weltkriegs interniert, und aus Langeweile habe er zu lesen begonnen, erzählt er in seinen biographischen Texten, – und nie wieder aufgehört. Nach seiner Entlassung hält es ihn nur noch wenige Jahre im Kaufmannsberuf, er kehrt nach Deutschland zurück und wird Lektor und Übersetzer aus dem Englischen. Brasilien aber lässt ihn nicht los. Kaum etwas gibt es in deutscher Übersetzung, und Curt Meyer-Clason beginnt diese Lücke zu schließen. Fernando Sabino, Jorge Amado, dann Guimarães Rosa und dann immer weiter. Seine Versionen von Guimarães Rosa, der als eigentlich unübersetzbar galt, sind legendär, werden verehrt, diskutiert und natürlich, wie jeder mutige Wurf, kritisiert. Denn Meyer-Clason war kein Akademiker. Vielleicht nicht einmal »Profi«. Seine Versionen sind leidenschaftlich, und darum ebenso angreifbar wie meist grandios. Von Manoel de Barros etwa, dem lyrischen Pendant zu Guimarães Rosa, gibt es bislang nur eine einzige Übersetzung ins Deutsche – von Curt-Meyer Clason. Ebenso genial ist seine deutsche Fassung von Ferreira Gullars wütendem Epos Schmutziges Gedicht, und 1997 saß ich staunend vor Florbela Espancas Sonetten – übertragen von Curt Meyer-Clason.

Kurz darauf las ich seine wiederaufgelegten Portugiesischen Tagebücher aus der Zeit, als er Leiter des Lissaboner Goethe-Instituts war, und begann zu begreifen, dass Übersetzen weit mehr sein kann, als nur das Übertragen von Text. Unter CMC wurde das Institut im faschistischen Portugal zu einem Forum für verfolgte Autoren, zensierte Bücher erschienen plötzlich auf Deutsch, was auch ihre Autoren weniger verschweigbar, weniger – auch im physischen Sinne – angreifbar machte.

Als Lateinamerika 1976 Schwerpunkt der Frankfurter Buchmesse war, und anschließend eine Welle lateinamerikanischer Literatur über Deutschland schwappte, stammte nicht wenig davon aus CMCs legendärer mechanischer Schreibmaschine. Er selbst war damals schon im so genannten Rentenalter. Als Brasilien 1994 Gastland wurde, war er 84 Jahre alt, drei Jahr später kam Portugal, und immer war Curt Meyer-Clason omnipräsent, mit Anthologien und Texten, die schon lange auf Veröffentlichung warteten. Und lange noch spuckte seine scheinbar unerschöpfliche Schublade hin und wieder einen Text in seiner unverwechselbaren Schreibmaschinenschrift aus.

Längst übersetzen Menschen aus dem Portugiesischen und Spanischen, die seine Urenkel sein könnten. Viele davon arbeiten anders. Die meisten von ihnen haben studiert. Doch ich bin sicher: Am Anfang stand auch bei ihnen die Lektüre einer Übersetzung von Curt Meyer-Clason.

Die Menschen sterben nicht, sie werden verzaubert, heißt eines seiner eigenen Bücher aus dem Jahr 1990. Curt Meyer Clason ist am Samstag im Alter von 101 Jahren in München gestorben. Und natürlich lebt auch er weiter, genau so, wie Adonias Filho, Jorge Amado, Carlos Drummond de Andrade, Eugénio de Andrade, Mário de Andrade, Ignácio de Loyola Brandão, José Cândido de Carvalho, Camilo Castelo Branco, Autran Dourado, Ferreira Gullar, Clarice Lispector, Machado de Assis, João Cabral de Melo Neto, Fernando Namora, Carlos de Oliveira, José Cardoso Pires, Eça de Queirós, Darcy Ribeiro, João Ubaldo Ribeiro, Urbano Tavares Rodrigues, João Guimarães Rosa, Fernando Sabino, José Sarney, Jorge de Sena, Miguel Torga (um nur die portugiesischsprachigen zu nennen) ewig leben werden in seinen Übersetzungen.

Michael Kegler, 20.01.2012