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Olivia Byington
– Die Liebe nach Tom und Vinícius

Die Sängerin Olivia Byington aus Rio de Janeiro veröffentlicht auf Biscoito Fino in Brasilien eine sehr eigene Interpretation eines klassischen Bossa-Nova-Albums: Canção do Amor Demais von Elizeth Cardoso aus dem Jahr 1958. Bevor die CD in die Läden kam, traf sie sich mit Felipe Tadeu zu einem sehr freundlichen Plausch. Wir möchten Sie gern daran teilhaben lassen.


Felipe Tadeu - Wie entstand die Idee, Canção do Amor Demais aufzunehmen?

Olivia Byington - In den achtziger Jahren hatte ich ein sehr enges Verhältnis zu Tom Jobim. Wir arbeiteten zusammen, als er anlässlich der Überreichung des Shell-Preises, den er gewonnen hatte, in Rio de Janeiro in der Sala Cecília Meirelles auftrat. Tom lud mich ein, mit ihm zu singen, das war wunderbar, wir und Rafael Rabello und Radamés Gnatalli. Und da wir sehr viel probten, damals, erzählte mir Tom Jobim ständig von dieser Platte, dem Repertoire und wie viel es mit ihm zu tun hatte. Canção do Amor Demais zu machen war also in gewisser Weise eine Hommage an dieses für die Fünfziger so charakteristische Repertoire. Da sind Stück drauf, die ich liebe, wie »Praias Desertas«, ziemlich »jobineske« Sachen, Kompositionen, die in Jobims Werk große Bedeutung haben. Die Platte war zunächst ein Projekt für die Editora Globo, mit einer winzigen Auflage von tausend Exemplaren, die nur für enge Freunde des Verlages bestimmt waren. Genau genommen hatte ich auch kein großes Interesse daran, diese Platte kommerziell herauszubringen, schließlich ist es doch eine Kultplatte, oder? Aber den Leuten von Biscoito Fino gefiel die Arbeit und Olívia Hime (die künstlerische Leiterin des Labels - F.T.) rief mich an und bat um die Platte. Das war eine wunderbare Überraschung, zeigt es doch, das es in inzwischen in Brasilien eine Nische gibt, in der man Musik wie diese unterbringen kann. Es gibt offensichtlich eine Anlaufstelle für Platten, die nicht hundert Prozent kommerziell sind.

FT - Kanntest du Canção do Amor Demais von Elizeth Cardoso, bevor Tom dir diesen Tipp gab?

Olivia - Nein, kannte ich nicht. Die Platte ist herausgekommen, als ich geboren wurde (1958), sie war nicht gerade, wie sagt man, »aus meiner Generation«. Auch wenn meine Mutter viel Bossa Nova hörte, kam diese Platte in meiner Kindheit nicht vor. Der Kontakt kam tatsächlich erst durch Tom Jobim zustande.

FT - Hast du Elizeth Cardoso einmal persönlich kennen gelernt?

Olivia - Ja, wir beide gehörten zum Stamm der Plattenfirma Som Livre und sind uns oft begegnet. Elizeth war ein sehr freundlicher Mensch, sehr aufmerksam. Sie kam mir vor, wie eine Prinzessin, sehr höflich und sanft. Sie war wirklich etwas besonderes, hatte die Stimme einer Diva, eine klassische Stimme der brasilianischen Musik, schön und rund.

FT - Sei dem Album Melodia Sentimental aus dem Jahr 1987 nimmt Olivia Byington nichts mehr von Komponisten der jüngeren Generation auf. Warum?

Olivia - Im Moment habe ich große Lust, das Repertoire von Geraldo Carneiro aufzunehmen, dem Texter von Lady Jane (Olivia Byingtons erfolgreichstem Stück – F.T.), und eine Platte nur mit ihm zu machen. Wir sind seit 30 Jahren sehr befreundet, und Geraldo hat eine Menge unveröffentlichte Lieder, die fertig bereit liegen, die zusammen mit Francis Hime, Wagner Tiso entstanden sind ... Ich glaube es wird sehr schön, diese Platte zu machen.

FT - Sollen da nur unveröffentlichte Stücke von Geraldo Carneiro drauf sein?

Olivia - Nein, auch einige neue Interpretationen von Stücken, die ich bereits gesungen habe. Ich habe ja schon viel von Geraldo aufgenommen, die Lieder auf Corra o Risco oder auf  meinem zweiten Album »Olha a Lua« oder »Mais Clara, Mais Crua«, von Geraldo mit Egberto Gismonti. Da gibt es so viele Zufälle. Ich habe mich für die Aufnahmen zu A Dama do Encantado mit dem Repertoire von Aracy de Almeida beschäftigt und habe viele Sambas aus dieser Zeit gehört, und das hat mich sehr fasziniert! Bevor ich Canção do Amor Demais angefangen habe, gab es ein Projekt, über Carmen Miranda, für das Centro Cultural Banco do Brasil, aus dem dann doch keine Platte wurde. Das war ein Projekt über Mirandas Zeit im Cassino da Urca, bevor sie sich Bananen auf den Kopf setzte und das ganze Zeug ...Es waren also drei Projekte zu Ehren von Sängerinnen. Erst Aracy de Almeida, dann Carmen Miranda und nun Elizeth Cardoso und ihr Canção do Amor Demais. Diese Platte, die nun bei Biscoito Fino herauskommt, macht viel Spaß, ich genieße es, sie wieder heraus zu bringen, bin aber gleichzeitig schon wieder mit diesem neuen Projekt mit Geraldo Carneiro befasst. Ich träume schon von der neuen Platte, die da kommen soll.

Aber zurück zu deiner Frage und den Komponisten der neuen Generation. Ich habe ein sehr gutes Verhältnis zu Zeca Baleiro. Gerade habe ich auf einer CD von ihm mitgewirkt, die er nur mit Gedichten von Hilda Hilst aufgenommen hat. Er hat ihre Verse vertont, und ich habe eines der Stücke gesungen. Das ist wirklich sehr schön geworden! Also Zeca, das ist ein Typ, den ich immer gerne höre, ich schätze seine Arbeit sehr. Davon abgesehen habe ich einen wirklich guten Kontakt zu den Komponisten der Generation nach mir. Innerhalb meiner eigenen Epoche suche ich allerdings nicht verzweifelt nach Stücken, um daraus eine Platte zu machen. Doch das ist kein »nein« von meiner Seite und hat mehr damit zu tun, dass ich mit so vielen anderen Dingen beschäftigt bin. Ein anderer Musiker, der sehr schöne Sachen macht, ist Chico César.

FT - Und Lenine?

Olivia - Lenine ist meine große Liebe. Immer wenn wir uns treffen, sagt er, ich soll etwas von ihm singen. Das Projekt mit Geraldo Carneiro ist wunderbar, aber ich hätte auch andere interessante Ideen.

FT - Was bedeutet Tom Jobim in deinem Leben?

Olivia - Er ist ein wichtiger Bezugspunkt, seit ich auf der Welt bin. Meine Mutter hörte ständig Tom Jobim, ihr ganzes Leben lang. Meine Mutter ist sehr musikalisch und hat mich immer darauf gestoßen, wie gut Tom Jobim ist, auf die Sanftheit seines Pianos. Ich glaube, Tom ist der wichtiste Musiker des 20. Jahrhunderts, ein Typ mit einer enormen Bedeutung für die brasilianische Musik, der Intellektualität mit Melodie, Harmonie und so viel gutem Geschmack gepaart hat! Er hat auch wunderbare Texte. Ein phantastisches Werk.

FT - Deine erste Platte Corra o Risco hast du mit Barca do Sol aufgenommen, einer Gruppe, die nicht sonderlich berühmt ist, aber sehr geschätzt wird. Wie kam es zur Begegnung mit dieser Gruppe?

Olivia - Mein erstes musikalisches Projekt war mit der Gruppe Antena Coletiva, mit »Jaquinho« (dem Cellisten Jacques Morelembaum – F.T.). Auf dem Festival von Curitiba lernte er A Barca do Sol kennen. Da hat Jacques Antena verlassen und begonnen in der Barca zu spielen. Ich habe mir das natürlich angesehen, und mir hat das, was sie machten, gefallen. Ich bin zu allen Proben gegangen. Dann habe ich mich in einen von ihnen verliebt, dann in einen anderen von der Band, damals in dieser Zeit, wo man sich ständig verliebte (lacht). Marcelo Costa (der Schlagzeuger der Band) hat mir einmal gesagt, die schönste Platte der Barca do Sol sei Corra o Risco, mein Debüt.

FT - Du warst ja wirklich die große Interpretin der Band.

Olivia - Schon, aber ihnen gefiel das nicht besonders!

FT - Gibt es irgendwelche Aufnahmen von Antena Coletiva?

Olivia - Nichts, einfach gar nichts. Das ist sehr schade. Das war die Zeit, als noch analog aufgenommen wurde. Es ist alles vergammelt, wir haben es weggeschmissen. Wir haben nicht überlegt, ob es vielleicht zwanzig Jahre später einmal wertvoll sein würde.

FT - Und wer war noch bei Antena Coletiva, außer dir und Jacques Morelembaum?

Olivia - Die Leute sind verschwunden. Einer ist Juwelier geworden, eine anderer verrückt. Wir machten Progressive Rock, ich spielte zwölfsaitige Gitarre, Jaquinho jagte sein Violoncello über einen Verzerrer. Es war sehr witzig, total Hippie, ich im langen Rock und bauchfrei, mit Ketten und Gitarre um den Hals. Absolut ausgeflippt, wir spielten ständig in Búzios.

FT - Was interessierte dich damals am Progressive Rock?

Olivia - Yes, Genesis, ich hörte auch Gentle Giant. Und dann hörte ich noch eine Band, die wenige kennen, und die mich mehr faszinierte als alles andere im Rock, die Incredible Strings Band! Da war diese Frau mit der merkwürdigen Stimme, ein total durchgedrehtes Ding, alle bekifft, ein paar verrückte, die Geige spielten, kurzum, es war eine wunderbare Gruppe.

FT - Und Egberto Gismonti hast du auch über Jacques Morelembaum kennen gelernt?

Olivia - Genau, durch ihn und Barca do Sol. Ich habe Egberto und Geraldo Carneiro kennen gelernt, und wir sind gute Freunde geworden. Geraldo hat irgendwann meine Schwester Elisa geheiratet. Sie haben ein Kind zusammen, Joaquim, der heute in England wohnt. Elisa wohnt in Italien, hat wieder geheiratet und lebt seit über 15 Jahren mit ihrem Mann zusammen. Geraldo und ich sehen oder sprechen uns täglich, gehen so drei Mal die Woche zusammen aus, wir sind sehr befreundet, fast wie Geschwister.

FT - Wirst du durch die brasilianischen Großstädte touren um Canção do Amor Demais vorzustellen?

Olivia - Ich muss erst Geld dafür zusammen bekommen, aber ich würde schon gerne zumindest Rio de Janeiro, São Paulo, Curitiba machen - und Belém, eine Stadt, die ich sehr mag, und wo ich ein gutes Publikum habe. Aber erst brauche ich Sponsoren.

FT - Die Band, die dich begleiten würde, wäre dieselbe wie auf der Platte?

Olivia - Nein, ich muss das mit einer anderen Truppe machen, denn sie alle haben zu viel zu tun. Aber das wäre nicht sehr schwierig, denn wir haben alle Noten da, und in Brasilien fehlt es nicht an hervorragenden Musikern, die mit uns spielen könnten. Es gibt hier viele gute Musiker und nur sehr wenig Arbeit. Brasilien müsste seinen musikalischen Horizont erweitern, sich die Köpfe waschen, verstehst du? Diese Diktatur der Plattenfirmen ist eine Tragödie, und alle bezahlen dafür. Auf lange Sicht wird das den Markt ruinieren.

FT - Empörend ist doch, dass das Publikum auch interessantere Dinge kaufen würde, wenn sie nur angeboten und in di eläden gebracht würden.

Olivia - Das stimmt, das glaube ich auch. Es gibt mehr intelligentes Leben als man glaubt.

FT - Und Europa, kommt Europa in deinen Plänen vor?

Olivia - Ich war da, 1997, in Portugal. Im vergangenen Jahr waren wir in Spanien mit einem Repertoire von Vinícius de Moraes und Tom Jobim, zusammen mit Wagner Tiso (Klavier) und Geraldo Carneiro. Geraldinho hat dort ein Buch vorgestellt, das er über Vinícius geschrieben hat, und trug ein paar Gedichte von ihm vor, erzählte an den musikalischen Abenden, die wir veranstaltet haben, von seinem Verhältnis zu Vinícius, das war klasse. Wir waren im Círculo de Belas Artes, in Madrid, so etwas wie das Centro Cultural Banco do Brasil in Rio, es war super.

FT - Und warum ist dieses Trio Olivia-Tiso-Carneiro nicht in Brasilien augetreten?

Olivia - Ich trete ja schon mit Wagner Tiso auf, gemeinsam mit dem Cellisten Márcio Mallard. Wir haben so einen Auftritt im Foyer des Teatro Municipal gehabt, der sehr gut angekommen ist. Und Lust, wieder einmal in Europa zu singen, hätte ich schon.

FT - Auch wenn Olivia Byington vor allem als Interpretin bekannt ist, komponierst du auch. Musiken wie »Anjo Vadio«, »Lua Branca« etc. Hast du in letzter Zeit etwas geschrieben?

Olivia - Ich habe ein seltsames Verhältnis zu meinem Kompositionen. Es kommt und geht wieder. Ich schreibe etwas, dann lasse ich die Gitarre liegen und spiele nicht mehr. Schon seit vielen Jahren habe ich nichts mehr komponiert.

FT - Bist du sehr selbstkritisch?

Olivia - Sehr. Ich schmeiße ständig Sachen weg, ohne jeden Skrupel (lacht). Aber »Anjo Vadio« ist schön, oder? Ich habe schon zu Zeca Baleiro gesagt, wenn ich wirklich die Platte mit Geraldinho machen sollte, muss er dieses Lied mit mir zusammen singen, es passt genau zu ihm.

FT - Deine Fans beklagen sich, dass viele deiner Veröffentlichungen noch nicht als CD erschienen sind.

Olivia - Das ist verrückt. Manchmal kommen wir an diese Platten gar nicht heran. Ich habe Mist gebaut, denn als Warner Continental gekauft hat, hätte ich alle Platten, die ich für Continental aufgenommen habe, zurückbekommen können. Nun habe ich keine der Originalaufnahmen mehr. Und Som Livre, wo meine zweite Platte Anjo Vadio erschienen ist hat sie noch nicht als CD veröffentlicht.

FT - Aber Identidad, auch bei Som Livre, ist als CD zu haben.

Olivia - Stimmt, die schon.

FT - Wie war es, diese Platte mit kubanischer  Musik aufzunehmen?

Olivia - Ich bin sehr stolz auf diese Platte, denn damals, als sie entstand, hatte Kuba keine Geschäftsbeziehungen zu Brasilien. Es war ein sehr schwieriges Projekt mit sehr vielen Hindernissen. Chico Buarque hatte mich eingeladen, mit nach Kuba zu reisen, und bei der Gelegenheit lernte ich Silvio Rodriguez kennen. Es war sehr schön.

FT - Kanntest du die kubanische Musik vor dieser Reise schon?

Olivia - Nein, erst dort begriff ich, wie eng die brasilianische Musik mit der kubanischen verküpft ist, und erst dort entstand meine Bewunderung für Silvio Rodriguez als Dichter und Komponisten. Es war eine sehr wichtige Reise für mich. Wir waren eine sehr große Gruppe: Nara Leão, João do Vale, MPB-4, Chico Buarque und Kleiton e Kledir.

FT - Hast du noch Kontakt zu Silvio Rodriguez?

Olivia - Wir telefonieren manchmal, und jetzt mailen wir eher. Aber nicht so viel. Ich habe ihm meine letzte Platte geschickt, und sie hat ihm gut gefallen.

FT - Von deinen eigenen Platten, welche gefällt dir da am besten?

Olivia - Meine liebste ist Corra o Risco, weißt du? Sie altert nicht, sie hat so eine Kraft.

FT - Sie ist bei  Continental herausgekommen, wo ein Verwandter von dir arbeitete, stimmts?

Olivia - Nein, meiner Familie gehörte die Firma. Mein Großvater hat sie gegründet! Barca do Sol hat dort aufgenommen, weil Elisa, meine Schwester, dort die Produktion gemacht hat. Sie hat Barca dort eingeführt.

FT- Und jetzt, nachdem du dich mit Aracy de Almeida beschäftigt hast und mit Carmen Miranda, dreht sich da immer noch Samba in deinem CD-Spieler?

Olivia - Ich habe drei Jahre lang Samba gesungen. Ich liebe ihn, höre viel, aber es ist im Moment nicht meine Lieblingsrichtung. Als ich A Dama do Encantado aufgenommen habe, da war ich wirklich begeistert.

FT - Das warst du auch schon von Cartola, Assis Valente, Noel Rosa...Sind es immer die Sambistas, die dich faszinieren?

Olivia - Paulinho da Viola nicht zu vergessen. Er ist ein fantastischer Sambista, so wie so viele andere. Es gibt so viele wunderbare Sambistas, dass es ungerecht wäre, nur einige zu nennen. Chico Buarque zum Beispiel. Brauchst du noch mehr?

Felipe Tadeu
Brasilkult@aol.com
Übersetzung: Michael Kegler

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Felipe Tadeu
ist Journalist und spezialisiert auf brasilianische Musik. Für Radio Darmstadt produziert er das Programm »Radar Brasil«. Seit 1991 in Deutschland ansässig ist er inzwischen auch unter dem Pseudonym DJ Fila bekannt.
email: brasilkult@aol.com


in früheren ausgaben:

»fogo encantado«>


»Lula Queiroga«
»solo für Pina Bausch«
»Suzana Salles«

»Hommage an John Lennon«
»Ângela Rô Rô«
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