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Fernando Molica:
Notícias do Mirandão
Record
224 páginas
22,-- |
Der Verlag feiert diesen
ersten Roman des Journalisten Fernando Molica als »Thriller made in
Brazil«, und an dieser Klassifizierung ist nichts auszusetzen. Es ist
in der Tat ein ungeheuer spannendes Buch mit allen Ingredienzen eines
erstklassigen Thrillers: Verbrechen, Verschwörung und ein plausibler
Bezug zur Realität. Einer besonderen brasilianischen Realität mit
ihren eigenen Gesetzmäßigkeiten und historischen
Bezügen.
Mirandão ist eine Favela in Rio de Janeiro. Hier herrscht das organisierte
Verbrechen, Drogenhandel und Aussichtslosigkeit. In den Augen einer Gruppe
linksradikaler Studenten der ideale Nährboden für eine soziale
Revolution im Sinne Ché Guevaras. Zunächst kein besonders
außergewöhnliches Szenario und keine besonders ausgefallene Theorie,
doch der »Conexão Revolucionária« gelingt es
tatsächlich und eher zufällig, ihre theoretischen Debatten in die
Praxis umzusetzen.
Auf Vermittlung eines engagierten Geistlichen entsteht ein gewagtes
Zweckbündnis zwischen dem Drogenboss des »Morro« und der
»Conexão Revolucionária«. Was diese mit allerlei
theoretischen Verrenkungen als den Beginn einer revolutionären Bewegung
versteht, ist für »Marra«, den Drogenboss, schlicht eine
Möglichkeit, seine Macht auszubauen. Und das Experiment gelingt. Den
Pistoleros der Drogengang ist es einerlei, ob sie nun Teil der
revolutionären Streitkräfte sind und statt Schutzgeldern nun
Revolutionssteuern erheben, die, wie ehedem, zu einem Teil in die Infrastruktur
der Favela investiert werden.
Dass dort nun auch eine eigene Gerichtsbarkeit entsteht und einige Privatschulen
der Umgebung plötzlich kostenlose Plätze für Slumkinder anbieten,
wird eher beiläufig goutiert und dem Engagement der neu entstandenen
»NGO« im Viertel zugeschrieben. Die breite Öffentlichkeit
bekommt davon ohnehin nichts mit.
Doch in einem Punkt gehen die Revolutionäre entschieden zu weit: Im
Viertel herrscht plötzlich Ruhe. Die Verbrechensrate tendiert gegen
Null, und die Polizei gerät in erheblichen Erklärungsnotstand.
Klar, dass auch die Korruption gewisser Stellen nur funktioniert, wenn ein
gewisser Bedarf nach Schutz vor Verbrechen nachgewisen werden kann. Kurzum:
Der zuständige Polizeiboss schmiedet seinerseits ein Kartell um die
gewohnte Ordnung wieder herzustellen.
Mittendrin ein Journalist, der von all dem höchstens die Hälfte
versteht. Eine liebevoll ironische Karikatur der Zunft, der der Autor selbst
angehört. Überhaupt ist das ganze Buch, vom wirklich spannenden
Plot einmal ganz abgesehen, eine scharfsinnige und daher notwendigerweise
auch ironische Betrachtung einiger politischer und gesellschaftlicher
Konstellationen in Brasilien und ihrer mitunter merkwürdigen Wahrnehmung
in der Öffentlichkeit.
Favelas, NGOs, linke Priester und wohlmeinende Studenten, das organisierte
Verbrechen und die damit untrennbar verbundene Polizei sind der Stoff aus
dem man in der Tat brasilianische Thriller mit politischer
Brisanz schmieden kann. Fernando Molica, der dafür den
»Prêmio Esso de Ficção« erhielt, macht mit
»Notícias do Mirandão« vor, wie es geht. (mk)
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