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Ruy Cinatti:
Lieder für
Timor
Mit einem Vorwort von Jorge Dias, einem Gedicht von João Barreto und
einer Anmerkung von Peter Stilwell.
Fotografien von Ruy Cinatti.
Übersetzt von Elfriede Engelmayer
Tranvía
195 Seiten
22,--
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Ost-Timor, dieses immer wieder
vergessene halbe Eiland ist für die, die es nicht ganz ignorieren
können oder wollen, auch so etwas wie eine mythische Gegend. Ruy Cinatti,
der portugiesische Dichter und Anthropologe war diesem Mythos erlegen, bereiste
zwischen 1946 und 1966 mehrfach die damalige portugiesische Kolonie, lebte
dort auch mehrere Jahre lang. Sein »Cancioneiro para Timor« wurde
1969 fertiggestellt, preisgekrönt, erschien allerdings, nach mehreren
Anläufen erst posthum im Jahre 1996 und ist heute sein bekanntestes
Werk.
Seine Gedichte sind poetische Momentaufnahmen, anthropologisch angehauchte
Verarbeitungen der Volksmythologie, Manifeste, ein Versuch, den Menschen
der Insel eine Stimme zu geben. Der erste offiziell timoresische Roman erschien
schließlich erst 1997 (Luis Cardoso: Chronik
einer Überfahrt) und die timoresischen Dichter sind weithin unbekannt.
Einer von ihnen ist João Barreto, den Cinatti als »timoreischen
Freund« bezeichnet, und dessen Gedicht »Meine Mutter ist
gestorben« für ihn so etwas wie ein Schlüsselerlebnis
darstellt.
Die Dichtung stellt in der Interpretation von Jorge Dias die Brücke
dar, mittels derer Cinatti, der als Agrarwissenschaftler nach Timor kam,
zum Anthropologen wurde: »Das Leben in Timor zeigte Cinatti, dass es
außer der betörenden Natur auch Menschen gab, die in einer engen
Beziehung zu ihr lebten und die eine dritte Welt darstellten, von der er
bis dahin nichts geahnt hatte.«
Cinatti selbst charakterisiert das Entstehen seiner Gedichte als eine Fusion
von Offenbarungen, durch die Konfrontation alter Textüberlieferungen
mit der lebendigen Oralität der Menschen, denen er begegnet, aber auch
durch das Eintauchen in die Gedankenwelt seiner »timoresischen
Freunde«, das Nachvollziehen ihres Naturerlebens, ihrer Weltsicht, ihrer
ursprünglichen, landschaftlich geprägten Poesie und Mystik.
Es ist viel Schwärmerisches in den Texten Cinattis, in den Gedichten,
aber auch in der Prosa seiner ausführlichen und dadurch höchst
informativen Einleitung, die in aller Kompaktheit eine höchst subjektive
Anthropologie der Timoresen darstellt. Seine Fotografien, mit denen der Band
illustriert ist, sprechen ebenfalls die Sprache des poetischen Forschers.
Natürlich muss das Werk in seinem historischen Kontext gelesen werden,
aber so ganz überflüssig ist es auch heute noch nicht, zu betonen,
dass auch »fremde« Völker Kultur besitzen, die, wie es Cinatti
in dem Essay »Die Freuden der Kultur« betont, »ebenso alt
und ehrwürdig ist wie die europäische«.
Kurzum, die »Lieder für Timor« in der vorliegenden Fassung
sind viel mehr als eine Gedichtsammlung. Sie sind eine Annäherung an
die Kultur eines Landes, das nach Jahrzehnten der Gewalt und einem kurzen
Moment im Rampenlicht der Weltöffentlichkeit nun wieder im Schatten
der großen politischen Ereignisse dahin dümpelt, zaghafte Schritte
in Richtung einer nationalen Souveränität macht und dabei hoffentlich
auf die starken eigenen Wurzeln bauen kann, die Cinatti so begeistert besingt.
mk |
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weitere Rezensionen
von deutschen
Übersetzungen
in nova cultura |
Ein
»Arbeitsbericht« der Übersetzerin, Interviews mit dem
Cinatti-Biographen Peter Stilwell und dem timoresischen Sprachwissenschaftler
Luís Costa sowie Auszüge aus »Lieder für Timor«
sind in der aktuellen Ausgabe der »Tranvía« nachzulesen |

»Tranvía«
63.
Einzelpreis: 5,-- |
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